Guatemala • Politik
Politik
2005: Das Jahr beginnt schlecht in Sachen Menschenrechte
In ihrem Bericht über die im Jahr 2004 begangenen Menschenrechtsverletzungen
schreibt die Gruppe gegenseitige Hilfe (GAM), dass entgegen aller Hoffnung,
im ersten Regierungsjahr von Oscar Berger würde sich die Menschenrechtssituation
verbessern, sich diese verschlechtert habe. Die GAM schreibt dies einer
fehlenden Sicherheitspolitik zu. Sie berichtet von insgesamt 4505 Fällen
von Menschenrechtsverletzungen, über die Hälfte davon, nämlich
2348, haben in gewaltsamen Morden geendet. Die GAM kritisiert, dass
die Regierung die internationale Unterstützung bei der Bekämpfung
der Gewalt abgelehnt habe, indem die Einrichtung der CICIACS torpediert
wurde.
amnesty international veröffentlichte am 21. Januar ein Comuniqué
zur Menschenrechtslage in Guatemala, in dem die Organisation große
Besorgnis um die Sicherheit sich exponierender MenschenrechtsaktivistInnen
ausdrückt. "Die Anzahl der Angriffe gegen MenschenrechtsverteidigerInnen
hängt möglicherweise in einem Zusammenhang mit dem mangelnden
politischen Willen der Regierung, das Problem der fehlenden Justiz und
der klandestinen Gruppen anzugehen", schreibt amnesty international,
und weiter: "Wiederholt hat sich die Regierung Berger dazu verpflichtet,
der Straflosigkeit ein Ende zu setzen, doch bisher sind keine konkreten
Resultate ersichtlich. Die Straflosigkeit, unter der die klandestinen
Gruppen operieren können und der Schaden, der damit dem Rechtsstaat
angetan wird, ist eines der grössten Hinternisse, mit dem die aktuelle
Regierung zu kämpfen hat".
Wir berichten im Folgenden über einige aktuelle Fälle, zu
manchen hat amnesty international "Urgent Actions" verschickt.
Florentín und Makrina Gudiel, URNG-Mitglieder
Florentín Gudiel, der Bürgermeister von Cruz de la Esperanza,
Escuintla, ist am 20. Dezember 2004 ermordet worden. Er war mit dem
Fahrrad auf dem Heimweg aus dem nahe gelegenen Ort Santa Lucía
Cotzumalguapa und wurde von zwei anderen Radfahrern eingeholt, zuerst
in den Rücken und dann mit dem Gnadenschuss in die Schläfe
ermordet.
AIDOS, die Kriegsverletztenvereinigung der Nationalen Revolutionären
Einheit Guatemalas (URNG) des Westens und Südens des Landes mit
Sitz in Queztaltenango erklärte in einem Comuniqué, dass
es sich nicht um einen "gewöhnlichen" Überfall,
sondern um einen geplanten politischen Mord handle, der alle Charakteristika
einer außergerichtlichen Hinrichtung aufweise: Drohungen über
längere Zeit hinweg, Zielgerichtete Verfolgung, Gnadenschuss und
keinerlei Spur der Täter.
Florentín Gudiel starb 74-jährig. Er war aktives Mitglied
der URNG, lebte bis nach den Friedensabkommen im Jahr 1996 während
18 Jahren im mexikanischen Exil und kehrte nach Guatemala zurück,
wo er sich in der Gemeindepolitik engagierte. Im Jahr 2002 wurde er
dafür als "anonymer Held" des Jahres gewählt. In
seiner Gemeinde war er außerdem zuständig für die Umsetzung
des Hausbauprojekts für demobilisierte URNG-KämpferInnen,
initiiert von der Stiftung Guillermo Toriello.
Am Tag der Totenwache für Florentín Gudiel erschien eine
Militärpatrouille unter Leitung eines Angehörigen einer Sondermilitäreinheit
(Kaibil) in einem nicht gekennzeichneten Fahrzeug am Haus der Familie.
Offenbar wollten die Militärs die BewohnerInnen und die BesucherInnen
der Trauerfamilie einschüchtern und verängstigen.
Seit der Ermordung von Florentín Gudiel hat seine Familie zahlreiche
Morddrohungen erhalten, vor allem seine Tochter Makrina Gudiel Álvarez,
die sich als URNG-Gemeinderatsmitglied ebenfalls politisch engagiert.
Bereits in den vergangenen zwei Jahren hat sie etliche Morddrohungen
erhalten, die nach der Ermordung ihres Vaters noch weiter zunahmen.
So war bereits im November 2003 der Anruf eines ehemaligen "Kaibil"
bei ihr eingegangen, der damit drohte, sie, ihren Sohn und ihren Vater
umzubringen. Wenige Tage zuvor hatte der Mann sein Amt als Vorsitzender
im Bildungsausschuss des Ortes an Florentín Gudiel abtreten müssen,
der ihm Unterschlagung vorgeworfen hatte. Während des Jahres 2004
hatte Makrina Gudiel Álvarez einige Auseinandersetzungen im Gemeinderat,
weil sie öffentlich auf Vorwürfe hingewiesen hatte, in denen
Beamten der Gemeinde Veruntreuung zur Last gelegt worden war. Am 17.
November 2004 erschienen bewaffnete und maskierte Männer bei ihr
Zuhause, zogen sich aber wieder zurück, als sie feststellten, dass
Makrina Gudiel Álvarez nicht dort war.
Am 14. Januar wurde aus einem anderen Fahrzeug Benzin auf das fahrende
Auto von Makrina und einem Kollegen gegossen, wohl mit der Idee, dieses
in Flammen zu setzten. Die beiden InsassInnen merkten jedoch rechtzeitig,
dass es sich um Benzin und nicht um Wasser handelte, das auf ihre Windschutzscheibe
gespritzt wurde und konnten sich auf dem Parkplatz eines Restaurants
in Sicherheit bringen.
amnesty international äusserte grösste Sorge um die Sicherheit
von Makrina Gudiel und ihrer Familie und die Menschenrechtsombudsstelle
hat ihr einen sicheren Ort angeboten, wo sie sich mit ihrer Familie
vorübergehend verstecken kann.
Armando Sánchez, Rechtsanwalt
Am 23. Dezember 2004 ging ein anonymer Anruf auf dem Mobiltelefon
des Rechtsanwalts Armando Sánchez ein, in dem ihm gedroht wurde,
er werde getötet, wenn er nicht innerhalb von fünf Tagen das
Land verlasse. Er meldete die Morddrohungen und man gewährte ihm
daraufhin Polizeischutz rund um die Uhr. Am 26. Dezember 2004 erschienen
um 2 Uhr nachts drei Männer im Wohngebiet von Armando Sánchez
und fragten in der Nachbarschaft nach dem Haus des Rechtsanwalts. Die
Unbekannten hielten sich aber von dem Haus fern, weil zwei Polizisten
vor der Tür standen. Der permanente Polizeischutz erstreckte sich
über eine Woche und wurde danach auf drei Stunden pro Nacht reduziert.
Am 6. Januar 2005 erschienen die Polizisten jedoch nicht, obwohl Polizeischutz
zugesagt worden war.
Offenkundig stehen die Morddrohungen gegen Armando Sánchez mit
seiner Arbeit als Rechtsanwalt in mehreren Verfahren in Zusammenhang.
Zu seinen MandantInnen gehören eine lokale Menschenrechtsorganisation,
deren Mitglieder Vertretern der örtlichen Behörden vorwerfen,
einem Mordverdächtigen zur Flucht verholfen zu haben, sowie eine
Frau, deren Ehemann von Drogenhändlern ermordet worden sein soll,
ferner LandarbeiterInnen und KleinbäuerInnen, die in Auseinandersetzungen
mit Grundbesitzern stehen. Zudem geht es in den Gerichtsverfahren um
rechtswidrige Entlassungen, Unterschreitung der Mindestlöhne, ausstehende
Lohnzahlungen und die Vertreibung von KleinbäuerInnen von zwei
Fincas in der Umgebung.
Im August vergangenen Jahres erstattete Armando Sánchez Anzeige
gegen die Lokalpolizei, der er vorwarf, in seiner Heimatstadt Coatepeque
im Departement Quetzaltenango eine wichtige Durchgangsstrasse rechtswidrig
gesperrt zu haben. Nachdem er die Anzeige erstattet hatte, warf ihm
ein Staatsanwalt Nötigung und Anstiftung zu einer Straftat vor.
amnesty international betrachtet die Anschuldigungen als unbegründet
und sieht sie als Versuch an, den Rechtsanwalt von seiner Tätigkeit
abzuhalten.
Carlos Chen, ADIVIMA
Seit der Besetzung des Staudamms Chixoy im vergangenen September sind gegen acht, von der Polizei als sog. Drahtzieher identifizierte Personen Haftbefehle ausgestellt. Am 20. Januar wurde einer von ihnen, der Menschenrechtsaktivist und Koordinator von ADIVIMA, der Organisation der durch den Staudammbau umgesiedelten oder massakrierten Gemeinden, Carlos Chen, in Salamá, Baja Verapaz, verhaftet. Die Anschuldigungen gegen Chen lauten: Illegales Festhalten und bedrohen von zwei Angestellten des Staudamms Chixoy, Hausfriedensbruch gegen das Nationale Elektrizitätsinstitut INDE, Aktivitäten gegen öffentliche Einrichtungen sowie Gefährdung der inneren Sicherheit der Nation. Chen wurde kurz nach seiner Verhaftung wieder freigelassen, die Anklage gegen ihn wurde jedoch aufrechterhalten. Nationale und internationale Menschenrechtsorganisationen sind um die Sicherheit von Chen und anderen ExponentInnen der Region Rabinal besorgt. Das Menschenrechtszentrum CALDH protestierte in einer Presseerklärung dagegen, dass Arbeits-, Land- und soziale Konflikte kriminalisiert und das verfassungsmäßige Recht der BürgerInnen auf zivilen Widerstand nicht gewährt würden. Weiter erinnert CALDH daran, dass sich die Regierung verpflichtet hat, die durch den Bau des Staudamms geschädigten Personen oder deren Hinterbliebenen zu entschädigen, ein Versprechen, das bis heute nicht eingelöst ist.
Alvaro Ramazzini, Bischof von San Marcos

Bischof Ramazzini
Am 22. Januar wurde ein Mordanschlag auf Bischof Ramazzini aufgedeckt.
Unter anderem ruft die Interdiözesane Landpastorale die internationale
Gemeinschaft um Solidarität und Beobachtung des Falles auf. Als
Informant gilt ein ehemaliger Angestellter des staatlichen Geheimdienstes,
der sich im Schutz von Menschenrechtsorganisationen befindet, da er
als Schlüsselzeuge im Mordfall an Bischof Gerardi im April 1998,
gilt. Vorhanden ist ein Video, auf dem die Auftragsübergabe von
einer unbekannten Frau an jenen Zeugen aufgezeichnet ist, Monsignore
Álvaro Ramazzini für 50.000 US-$ umzubringen, über
den sie bereits genaue Angaben seines Tagesablaufs hätte.
Die Landpastorale vermutet verschiedene Motive hinter diesem Plan. Die
starke Opposition des Bischofs und seiner Diözese gegenüber
dem Minenbergbau allgemein, aber speziell in San Marcos, ist als solches
sicher nicht zu vernachlässigen. Zumal nicht nur die Interessen
des lizensierten kanadischen Unternehmens, sondern auch die Verwicklung
von Regierungspersonal höchsten Ranges im Spiel sind.
Die öffentliche Konfrontation und Anschuldigung Präsident
Bergers hinsichtlich der Verantwortung Ramazzinis für das Geschehen
in Sololá (siehe ¡Fijáte! 326), macht diesen zur
"Angriffsflanke" gegen die Regierbarkeit des Landes von Seiten
aller interessierter Sektoren.
Darüber hinaus ergriff Bischof Ramazzini immer wieder Partei in
Konflikten in der Agrarfrage, als jüngster ist der Fall der Finca
Nueva Linda zu nennen, wo die Besitzer inzwischen in einige Verbrechen
verwickelt sind. Angefangen bei der mutmaßlichen Geiselnahme des
Verwalters Héctor Reyes, dessen Verbleib immer noch nicht aufgeklärt
ist, die wiederholte gewaltsame Räumung der Finca, bei der 7 BäuerInnen
und 4 Polizisten umkamen, bis hin zur aktuellen, vorübergehenden
Geiselnahme von drei Bauern der Finca.
Ramazzini ist aktives Mitglied des Zusammenschlusses Plataforma Agraria
(PA), von der inzwischen bekannt ist, dass es Pläne gibt, auch
sie von der politischen Bühne zu räumen. Sei es mittels Abwertung,
Abnutzung oder halt der Eliminierung der wichtigsten Köpfe. Gegen
Juan Tuyuc, einem weiterer Führer der PA, wurde zwei Tage nach
den Unruhen in Sololá bei der Staatsanwaltschaft eine Klage wegen
Hinterziehung von Geldern eingereicht, im Dezember war bereits eine
entsprechende Zeitungsreportage über ihn erschienen (siehe separater
Artikel).
Yira Argueta Lopéz, 2-jährige Tochter eines Menschenrechtsaktivisten
Eine Gruppe vermummter Männer drang in der Nacht vom 20. Januar ins Haus des Menschenrechtsaktivisten Gumercindo Argueta in El Tejar, Chimaltenango, ein. Sie schlugen die Frau von Argueta und erstickten die 2-jährige Tochter Yira. Die Allianz gegen Straflosigkeit sieht in diesem Verbrechen einen weiteren Angriff auf die Menschenrechtsbewegung. Argueta ist lokaler Koordinator des Projekts REMHI zur Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses.
Finca El Corazo, Suchitepéquez
Die Gruppe gegenseitiger Hilfe (GAM) verurteilte das von den Sicherheitskräften
der Finca El Corazo, Retalhuleu, und der Polizei am 24. Januar begangene
Massaker an Bauern der Gemeinde Tzampoj aufs Schärfste.
Während einer gerichtlichen Untersuchung auf der Finca El Corazo
über das Verschwinden des Bauern Pedro Mariano Tambriz, entführt
am 18. Januar von Sicherheitspersonal der Finca, zückte der Fincabesitzer
Jorge Fernández seine Pistole und es kam zu einer Schiesserei.
Dabei wurden fünf Personen ermordet, darunter Bauern sowie Sicherheitskräfte
des Fincabesitzers. Gemäss Aussagen des Gemeindekomitees CODECA
und der GAM, denen Tambriz angehörte, wurde er von den Wächtern
der Finca überrascht, als er zusammen mit zwei Jugendlichen versuchte,
ins Gelände der Finca zu gelangen. Die Jugendlichen konnten entwischen,
nicht so der verschwundene Tambriz, weshalb Leute aus seiner Gemeinde
beim Friedensrichter vorsprachen. Bei dieser Anhörung kam es zur
besagten Schiesserei, wobei auch die Polizei involviert war, die "nur"
Verletzte zu beklagen hatte.
CODECA und die GAM verlangten einen Haftbefehl gegen den Fincabesitzer,
weil sie befürchten, er würde das Land verlassen. Unterdessen
wurde er aus gesundheitlichen Gründen in ein Krankenhaus eingeliefert,
wobei vermutet wird, dass dies bloß eine Ausrede ist, um einer
Verhaftung zu entgehen. Der Fall erinnert sehr an die Vorkommnisse auf
der Finca Nueva Linda vom August letzten Jahres, interessanterweise
sind denn auch die Fincabesitzer miteinander verwandt.
Unterdessen wurde der verschwundene Pedro Mariano Tambriz gefunden:
Ermordet durch einen Schuss in die Schläfe.
(zitiert: Fijáte, Nr. 327 vom 02. Februar 2005)
Änderungen in Sachen Minengesetz?
Guatemala, 28. Jan. Nicht in allem ist man sich uneins
in San Miguel Ixtahuacán und Sipacapa, San Marcos. Die BewohnerInnen,
säkulare und religiöse Autoritäten sowie die BäuerInnenbewegung
der beiden Munizipien stimmen in einer Sache zumindest überein:
Das 1%, das der Staat und die Gemeinden für den Gold- und Silberabbau
bekommen, ist sehr wenig. Deswegen fordern sie nun eine höhere
Quote der Dividende, im schlimmsten Fall anstelle dessen Infrastrukturprojekte.
Unterschiedlich ist der Ton der Forderungen. Während Bischof Ramazzini
in seinen jüngsten Gesprächen mit der Regierung eine Abgabe
von 50% forderte, meinte ein Anwohner lakonisch: "Uns wird es ergehen,
wie den Indígenas während der Eroberung, denen sie Spiegel
gaben und das Gold mitnahmen".
Alejandro Arauz, Geologe, Verwalter der Naturressourcen und Leiter der
Umweltabteilung der berühmt-berüchtigten Firma Montana, die
die Abbaukonzession für die Zone erhalten hat, erwidert, dass der
eine oder die andere wohl schlecht informiert sei und erläutert,
dass die Lizenzgebühr, also das 1%, lediglich eine zusätzliche
Steuer sei und nicht die einzige Belastung, die das Unternehmen zu zahlen
habe. Vielmehr sei sie eine Kompensation über die Bruttoproduktion,
ohne Abschlag irgendwelcher Kosten. Hinsichtlich der Nettogewinne werde
Montana die Steuern zahlen, wie jedes andere Unternehmen auch.
Arauz gesteht zu, dass die in San Marcos gefundene Goldquelle sehr wichtig
sei. Im zentralamerikanischen Vergleich sei sie die größte,
auf weltweitem Niveau liege sie im Mittelfeld. Gemäß seiner
Schätzungen fänden sich zwischen 2,5 und 3 Mio. Unzen des
goldenen Metalls an diesem Ort, jede einzelne mit einem Marktwert von
ca. 400 US-$ (3´200 Quetzales).
In Bezug auf die vorhandene Silberader gibt es laut dem Experten rund
15mal mehr als Gold, jede Unze sei ca. 106 US-$ (Q 848,-) wert. Die
Arbeitszone von Montana umfasst dabei rund 500 Hektar.
Im geplanten Minenbergbau sollen 1´600 Personen mit einem Mindesttageslohn
von 50 Quetzales arbeiten. "An der Südküste, an die die
meisten Bewohner-Innen der beiden Gemeinden ziehen, um zu arbeiten,
werden dagegen 20 Quetzales täglich gezahlt", so Arauz.
Vinicio López, Experte des Movimiento de Trabajador@s (MTC) von
San Marcos, bezweifelt hingegen, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen
den BewohnerInnen wesentlich weiterhilft. Was sind schließlich
1´600 Jobs für zwei Gemeindebezirke, in denen 51´000
Menschen leben, wo sich doch die Anzahl der Arbeitsplätze zu Beginn
des tatsächlichen Abbaus, geplant für Anfang 2006, auf maximal
350 reduziert?
Die Regierung plant unterdessen gesetzliche Veränderungen für
die Prozesse der Exploration von Bodenschätzen für das laufende
Jahr. Diese sollen sich auf die Lizenzgebühr und dessen Gebrauch
sowie auf die Qualitäts- und Umweltkontrollen beziehen, informierte
Jorge García, Leiter der Generaldirektion für Bergbau. Die
Modifikationen werden in Zusammenarbeit mit ausländischen "ExpertInnen"
sowie mit den entsprechend zuständigen Ministerien erarbeitet,
um die Kompatibilität von Umwelt- und Minengesetzen zu gewährleisten.
Auch im Umweltbereich aktive Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) sollen
mit einbezogen werden.
Es gibt zwar bereits eine Einheit zur Minenkontrolle, die den Energie-
und Umweltministerien untersteht, doch um die Überwachung zu stärken,
soll eine unabhängige Kommission geschaffen werden. Darin werden
voraussichtlich RepräsentantInnen der drei großen Universitäten
und Mitglieder der NRO-Vereinigung sitzen, die die jeweiligen Umweltverträglichkeitsprüfungen
in den verschiedenen Phasen überwachen und die Analyseresultate
und Empfehlungen publik machen.
Am 27. Januar protestierten in San Marcos rund 2'000 Personen im Rahmen
eines "Marsches für das Leben" gegen die Minentätigkeit
in der Region. Am selben Tag fand ein öffentliches Forum zum Thema
statt, an dem neben Bischof Ramazzini auch der zur Zeit in Guatemala
weilende UNO-Sonderbeauftragte für Ernährungssicherheit, Jean
Ziegler, teilnahm.
(zitiert: Fijáte, Nr. 327 vom 02. Februar 2005)
"Die Vernunft setzt sich nie durch"
Guatemala, 13. Jan. So überschreibt Carolina
Escobar Sarti folgenden Beitrag in der Tageszeitung Prensa Libre: "Der
Titel des Artikels steht in Anführungszeichen, denn er stammt aus
den Aussagen des Innenministers, Carlos Vielmann zu den Vorfällen
in Los Encuentros. Der Minister ist der Ansicht, dass "trotz der
Bemühungen der Autoritäten, die Bevölkerung zu überzeugen,
die Maschinen (des Minenunternehmens Montana) ihren Weg fortsetzen zu
lassen, sich die Vernunft nie durchsetzt". Er fügt hinzu,
dass weiterhin "alle Anstrengungen, den Rechtsstaat durchzusetzen,
mit der nötigen Menge an PolizistInnen unternommen werden".
Ausgehend davon, dass der Minister ein Diener des Volkes ist und wir,
die guatemaltekischen BürgerInnen ihm sein Gehalt zahlen, verwirren
diese Erklärungen ein bisschen. Die Gemeinden, die sich durch den
Minenabbau bedroht fühlen, haben ebenfalls versucht, die Autoritäten
davon zu "überzeugen", dass der Bergbau nicht die beste
Option für ihre Entwicklung ist. Doch sie verfügen nicht über
Kontingente von Polizisten und Militärs, um diese umzustimmen.
Vielmehr müsste einE MinisterIn, wollte er/sie den Rechtsstaat
durchsetzen, erst einmal anfangen, das Recht der BewohnerInnen dieser
Gemeinde zu respektieren, bevor er/sie über ihre Gegenwart und
Zukunft entscheidet.
Es müsste sich der Weg des Dialogs erschöpfen, bevor es zu
solchen Situationen wie in Los Encuentros kommt, die sich zu dem reiht,
was vor einigen Monaten auf der Finca Nueva Linda geschah. Es scheint
sich eine ganz besondere Art und Weise der Regierung abzuzeichnen, solche
Konflikte zu lösen.
Gleichzeitig verfügt das Minenunternehmen Montana über die
ausreichenden Ressourcen, um seinen eigenen privaten Sicherheitsdienst
unter Vertrag zu nehmen. So müssten nicht wir alle sie sponsern
und ihnen sowohl die Polizei als auch das Militär zur Verfügung
stellen, während sich die Gewalt auf unseren Strassen gnadenlos
ausbreitet.
Das Unternehmen Montana fängt unter einem schlechten Stern an;
vielleicht kam es hierher, um das zu tun, was es im eigenen Land nie
tun dürfte. Es hat grosse Summen in die Werbung investiert, uns
glauben zu machen, dass viele Arbeitsplätze und Entwicklung geschaffen
würden. Es hat sehr geschickt mit den PolitikerInnen verhandelt
und bietet an, "unter den striktesten Umwelt- und Sozialnormen
zum Wohl des Landes" zu operieren.
Doch wir wissen, dass diese Jobs kurzfristige Placebos ohne Zukunft
sind, dass es in zehn Jahren keine solch versprochene Entwicklung in
den bis dann fast wüstenähnlichen Gemeinden geben wird. Andererseits
verfügen wir gar nicht über die ausreichenden Konditionen,
um die Einhaltung der Umweltnormen zu überwachen (dies sagt der
Umweltminister, nicht ich).
Doch das wirkliche Problem sind nicht die Arbeitsplätze, nicht
das Unternehmen, sei es national oder transnational, noch nicht einmal
der Grad der Politisierung dieser Angelegenheit.
Das zentrale Problem ist das Wasser. Denn dieses steht dem Unternehmen
nicht nur gratis zur Verfügung (250´000 Liter pro Stunde,
für die es keinen Centavo an Guatemala zahlen wird), sondern es
wird zudem irreversibel mit der Blausäure Zyanid kontaminiert,
in Mengen, die für jegliches Lebewesen schädlich sind, ins
Grundwasser zurückgeführt.
Würden Sie sich nicht bedroht fühlen, wenn Sie wüssten,
dass Sie in zehn Jahren in einer Wüste leben werden? Wollten Sie
Ihre kleinen Kinder mit verseuchtem Wasser waschen und beobachten müssen,
wie ihnen die Haare ausfallen oder ihre Haut erkrankt?
Es reicht zu sehen, was im Tal Valle de Siria in Honduras passiert ist
und was in Afrika zu beobachten ist, wo ebenfalls Gold im Tagebau abgebaut
wurde.
Es ist in Ordnung, dass investiert wird, aber es ist überhaupt
nicht in Ordnung, dass in der Hauptstadt über die Zukunft der Gemeinden
entschieden wird; es ist gar nicht in Ordnung, dass die Interessen eines
ausländischen Unternehmens mehr und besser geschützt werden,
als die der guatemaltekischen Bevölkerung. Es ist nicht in Ordnung,
dass eine Fußgängerbrücke abmontiert wird, die vor langer
Zeit von den AnwohnerInnen gebaut wurde, allein, damit eine Bergbaumaschine
passieren kann. Es ist nicht in Ordnung, dass in diesem Kontext jemand
sterben muss und auch die Gewalt, die von den Leuten der Gemeinden gegen
Fahrzeuge, Personen und Strassen ausgeübt wird, ist nicht in Ordnung.
Möglicherweise hat der Minister doch nicht ganz Unrecht, dass in
der Angelegenheit des Minenbergbaus nie die Vernunft obsiegt hat. Seitdem
das Bergbauunternehmen in dieses Paradies gekommen ist, haben einige
unserer PolitikerInnen komplett den Verstand verloren."
(zitiert: Fijáte, Nr. 327 vom 02. Februar 2005)
Landwirtschaftsministerium diffamiert die Plataforma Agraria
Guatemala, 21. Jan. Juan Tuyuc, Álvaro Ramazzini
und Clara Arenas, Mitglieder der Plataforma Agraria (PA), hielten eine
Pressekonferenz ab, um die Koalition für Transparenz zu einer Untersuchung
der finanziellen Mittel zu veranlassen, die von den dreizehn Organisationen,
die zur PA gehören, verwaltet werden. Auf diese Weise soll die
Anzeige widerlegt werden, die das Landwirtschaftsministerium (MAGA)
vor der Staatsanwaltschaft wegen mutmaßlicher Veruntreuung von
Geldern gegen ein PA-Mitglied, Juan Tuyuc, erhoben hatte.
Gemäß der Anklage des MAGA habe eine Rechnungsprüfung
der Vereinigung Asociación de Sololatecos Unidos para el Desarrollo
Integral (ASUDI), die zur PA gehört und die von Tuyuc koordiniert
wird, ergeben, dass diese während des Jahres 2003 mit Geldern,
die das Ministerium der Plataforma übergeben hatte, Misswirtschaft
getrieben hätte. Das Geld, das im letzten Regierungsjahr von Ex-Präsident
Portillo ausgezahlt worden war, war dazu bestimmt, den Forderungen derjenigen
BäuerInnen zu begegnen, die von dem Sturz des Kaffeepreises betroffen
waren. Die Revision habe nun einige Unregelmäßigkeiten in
der Buchhaltung aufgedeckt.
Dagegen gibt die PA in einer Pressemitteilung bekannt, dass die Regierung
ein neoliberales Projekt für den Landwirtschaftssektor vorantreibe,
das die Vorschläge negiere, die an der Stärkung der bäuerlichen
Wirtschaft orientiert seien. In dem Moment, in dem sich die Regierung
jedoch mit einer Opposition gegen ihre Willkür konfrontiert sähe,
wende sie gleich die Repression und die Lügen als Strategie an,
die BäuerInnen zu schwächen.
Der Vorschlag zur ländlichen Entwicklung der Plataforma versuche
hingegen, die assistentialistische Politik und die Verschuldung zu beenden,
die vom Markt gefördert würden, damit die BäuerInnen
selbstständig würden und die soziale Organisation gestärkt
werde.
Zudem soll die Regierung Bergers die Plataforma insofern diffamiert
haben, als dass sie sie mit der Republikanischen Front Guatemalas (FRG)
in Verbindung brachte.
Die Anschuldigungen wegen Veruntreuung von Geldern von Seiten des Ministeriums
werden von dem Agrar-Zusammenschluss als Verleumdung und Beleidigung
interpretiert, Delikte, die in den Gesetzesartikeln 33 und 34 im Rahmen
der Meinungsfreiheit behandelt werden.
(zitiert: Fijáte, Nr. 327 vom 02. Februar 2005)
