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Politik
Ein Jahr Regierung Berger: Kritik der Zivilgesellschaft
Guatemala auf dem unumkehrbaren Weg zur Demokratie
Guatemala, 10. Dez. Die Evaluation der Organisationen
der Zivilgesellschaft nach einem Jahr Präsidentschaft von Oscar
Berger und seiner Regierungskoalition GANA ist ernüchternd: Keinerlei
Fortschritt in der Agrarfrage, eine miserable Politik in Sachen Sicherheit
und wenig Aufmerksamkeit gegenüber den unterdessen auf über
490 angestiegenen Morden an Frauen. VertreterInnen der Plataforma Agraria
(PA), dem Kollektiv sozialer Organisationen (COS) und dem Frauensektor
diskutierten unter dem Titel "Haben wir wirklich alle gewonnen?"
(in Anspielung auf den Wahlslogan von Berger "mit der GANA gewinnen
alle") dessen im Jahr 2004 veranlassten politischen Massnahmen.
Clara Arenas von der Plataforma Agraria bedauerte, dass bis dato noch
keine klaren Linien in Sachen Landproblematik auszumachen sind. Z.B.
habe die Regierung ihr Versprechen nicht eingehalten, den von der Kaffeekrise
betroffenen Familien die Summe von insgesamt 46 Mio. Quetzales zur Verfügung
zu stellen, um Land für die Selbstversorgung zu pachten. Für
das nächste Jahr fordert die PA, dass die Vorschläge der Zivilgesellschaft
berücksichtigt werden, wie z.B. das Dokument der Plataforma, "Abriendo
Brechas", das nebst umfassenden Vorschlägen für die Lösung
der ruralen Problematik auch das Thema Frauen und Land berücksichtigt,
also eine Genderperspektive enthält.
Das Komitee der BäuerInneneinheit (CUC) informierte, dass 55 Personen
der Gemeinde Cubilguitz, Alta Verapaz, juristisch verfolgt würden
wegen ihres Kampfes um die Einhaltung ihrer Arbeitsrechte beim Unternehmen
Desarollo Agropecuario del Norte S.A. Weitere 55 ArbeiterInnen der Finca
Dolores in der selben Gemeinde wurden Anfang dieses Jahres entlassen,
ohne dass der Arbeitgeber ihnen bisher Entschädigungsleistungen
gezahlt hat. Das CUC fordert die Annahme des Katastergesetzes durch
den Kongress sowie die Annulation aller Haftbefehle gegen sich exponierende
BäuerInnenvertreterInnen. Ebenfalls für das Departement Alta
Verapaz fürchtet die BäuerInnenorganisation CONIC über
die Weihnachtstage die Räumung besetzter Fincas.
Zum Thema Sicherheit äusserte sich Jorge Arreaga von Seguridad
Democrática (SEDEM) und meinte, gewonnen habe man in diesem Jahr
wohl eher ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit. Weiter bedauerte
er, dass es an politischem Willen fehle, um die Kommission zur Untersuchung
illegaler Strukturen (CICIACS) einzusetzen.
Die Myrna Mack-Stiftung (FMM) weist in ihrem Jahresrückblick darauf
hin, dass die vom Innenministerium durchgeführten Massnahmen zur
Bekämpfung der Gewalt im Giesskannenprinzip durchgeführt würden,
entsprechend nicht gegriffen und vor allem keine längerfristige
Strategie verfolgt hätten. Erinnert wird an die kombinierten Patrouillen
von Militär und Polizei, das Gesetz zum Verbot von Alkoholverkauf
nach Mitternacht, die bewaffnete Begleitung von Stadt- und Überlandbussen
etc. Weiter weist die FMM auf interne Probleme im Innenministerium hin,
z.B. auf die nicht sehr vertrauenerweckende Polizei, deren Mitglieder
oftmals selber in Gewalt- oder Korruptionstaten verwickelt sind. Besorgniserregend
ist für die Stiftung auch die Zunahme von Drohungen gegen MenschenrechtsaktivistInnen.
Spezielles Augenmerk im Zusammenhang mit dem Thema Sicherheit verlangen
sicher die bis Mitte Dezember auf 490 angestiegenen Morde an Frauen.
Das bisher grausamste und die Bevölkerung aufschreckendste Verbrechen
fand am 26. November statt, einen Tag nachdem die guatemaltekischen
Frauenorganisationen anlässlich des Internationalen Tags gegen
Gewalt an Frauen der bisherigen Gewaltopfer gedenkt hatten: Einzelne
Teile eines zerstückelten Frauenkörpers wurden am helllichten
Tag an verschiedenen, stark frequentierten Orten der Hauptstadt aufgefunden.
Während Frauenorganisationen die sofortige Untersuchung dieser
Verbrechen fordern, tröstet Innenminister Carlos Vielmann damit,
dass bereits 76 Verhaftungen durchgeführt worden seien und weitere
145 Verdächtige auf seiner Liste stünden. Von grundsätzlichen
Lösungen, wie das Problem der Frauenmorde angegangen werden könnte,
will Vielmann nichts wissen.
Präsident Berger schaut unterdessen zuversichtlich ins kommende
Jahr. Während einer Arbeitsreise in verschiedene Gemeinden des
Departements Quiché versprach er, dass Problem der Unsicherheit
vollständig zu lösen, die Gesundheit, die Bildung und den
Lebensstandard der GuatemaltekInnen zu verbessern. Und überhaupt,
werde "das Jahr 2005 ein historisches für Guatemala",
so der Präsident. Worin das "historische" liegt, bleibt
abzuwarten...
Streit innerhalb der UNE
Guatemala, 16. Dez. Unter schweren Anschuldigungen
gegen Parteipräsident Alvaro Colom trat Anfang Dezember der Kongressabgeordnete
der Nationalen Union der Hoffnung (UNE), Víctor Hugo Toledo aus
der Partei aus und erklärte sich unabhängig. Das "Fass
zum Überlaufen gebracht" habe die Ernennung von Sergio Celis
zum neuen Fraktionsleiter der Partei im Kongress, eine "Wahl",
die abgesprochen gewesen sei und mit der Colom persönlichen Profit
ziehen wolle. Ausserdem kritisierte Toledo die Art und Weise, wie die
ebenfalls Abgeordneten Rolando Morales und Otoniel Fernández
vor das Disziplinarkommission der Partei zitiert worden seien, wo sie
der Korruption beschuldigt wurden. Zudem liess Toledo verlauten, dass
ihm möglicherweise zehn weitere der verbleibenden 26 UNE-Abgeordneten
folgen könnten.
Der erste, der diesem Aufruf folgte, war der bisherige Kongresspräsident
Rolando Morales. Der Streit zwischen Morales und Colom dreht sich um
gegenseitige Beschuldigungen wegen Machtmissbrauchs und persönlicher
Bereicherung auf Kosten der Partei.
Tatsache ist, dass sich die bei den letzten Wahlen zweitstärkste
Partei im Verlauf des Jahres ihren Ruf ruiniert hat, erinnert sei z.B.
an den Skandal um die von Colom akzeptierten Gelder der damaligen FRG-Regierung
zur Finanzierung seiner Wahlkampagne.
Anfang Dezember brach die UNE auch das politische Abkommen, das sie
mit der Partei des Nationalen Fortschritts (PAN) noch vor der zweiten
Wahlrunde letzten Jahres vereinbart hatte. Alvaro Colom bestätigte,
dass das Aufkünden des Abkommens ein Entscheid der Partei gewesen
sei, er persönlich verstehe es aber eher als eine Suspension. Auf
alle Fälle wird die UNE nächstes Jahr eine schwierige Position
im Kongress haben, verliert sie doch durch die mit der GANA vereinbarten
Rotation auch den Vorsitz.
Quelle: Fijáte Nr. 325, vom 29.12.2004
